Neues Ausstellen - mit diesem ehrgeizigen Aufmacher war die Tagung in der
Karthause Ittingen überschrieben - ein viel versprechender Titel, der eine illustre Schar interessierter Fachleute in den Thurgau lockte. Organisiert von
Markus Landert und
Dorothee Messmer vom
Kunstmuseum Thurgau,
Paulo Bianchi, Ausstellungsmacher und freier Kunstpublizist und
Sigrid Schade, Leiterin des ICS an der HGKZ, sollen die Ergebnisse der gestrigen Klausur und der heutigen öffentlichen Vorstellung im Kunstmuseum Thurgau, in der Zeitschrift
Kunstforum vorgestellt werden. Fünf Positionen zeitgenössischer Ausstellungspraxis erhielten Raum um sich vorzustellen.
Martin Beck, der sich selbst in erster Linie als Künstler versteht, sieht das Kuratieren als einen Bereich der Berufspraxis von Künstlern, Er hinterfragt in seinen Arbeiten die Methodik des Kuratierens und die (vor allem künstlerische) Autorschaft. Am Beispiel der Ausstellung "
Information" in der
Wiener Sezession, 2006 - eine Zusammenarbeit mit der Künstlerin
Julie Ault - stellte er seine Arbeitsweise vor: Die streng konzipierte Ausstellung stellt künstlerisches Handeln dar, als eine Befragung der Institution in der sie stattfindet (eingezogene Wände in der Wiener Sezession mit Fotografien von
Felix Gonzales Torres), der Ausstellung als System (in der Rekonstruktion des Struc-Tube von George Nelson, einem funktionellen Hängesystem für Ausstellungen, das in Wien als auch als Skulptur fungiert), als Geschichtsarbeit (in der Reflexion von Architekturgeschichte an Hand von Paul Rudolph's Art-and-Architecture Gebäude an der Yale University, 1969) als Forschungsraum (durch die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Nonne
Sister Corita Kent)und als politische Handlungsform (durch den Bezug zur Ausstellung "Information" im
MoMA, 1970). Die intellektuelle Reflexion des konzeptuellen Kreativitätsprozesses belegt noch die kleinste Einheit der Ausstellung (Flächen, Farben, Ausstellungsarchitektur) mit Bedeutung, die, analog einem allegorisch-mythischen historistischen Gemälde, Schritt für Schritt entschlüsselt werden kann - ein akademisches Rätselspiel für intellektuelle Knobelfreunde in einer intertextualisierten Kunstwelt mit dem einzigen Anspruch der Kombination von Referenzen.
Moritz Küng sieht in der kuratorischen Praxis einen zunehmenden Trend zum Verschwinden der Ausstellung. Für ihn stellt die räumliche Dimension oder auch der Dialog zwischen Architektur und Kunst, vor allem in der Praxis der Bespielung von nicht-institutionalisierten Räumen, eine Möglichkeit dar, dem "Flughafeneffekt" des "White Cube" zu entfliehen. Er stösst sich am: "Man wähnt sich nirgendwo, weil alles gleich aussieht." und sucht eine "Atmosphäre der Selbstverständlichkeit" um Kunstwerke in glaubwürdige Räume zu überführen. Das Sinnliche und Sinnstiftende bei der Präsentation von Kunst muss in seinen Augen wieder an Bedeutung gewinnen. Und doch sucht man es in seinem Vortrag über die Ausstellungen "Super Space" in Utrecht, 1999, "Schöner Wohnen" in Waregem, 2004/05 und den Architekturausstellungen mit
Dominique Gonzalez-Foerster, 2004,
Joëlle Tuerlinckx, 2006, oder
Serodio Furtado Associados, 2006 am deSingel in Antwerpen, vergeblich.
Die Kunst degeneriert zu einem Aperçu des Alltags und wird zu einem
Duchamp extrême: Das Urinoir wird vom Museum zurück ins Badezimmer überführt. Es dann auch an Wasser und Abwasser wieder anzuschliessen, diesen letzten Schritt, versagt Moritz Küng der Kunst. Ob die Irritation durch die Imitation des Lebens vom Betrachter wahrgenommen werden soll oder nicht, lässt Küng kokett offen.
Harm Lux besticht durch einen unvorbereiteten Vortrag, der einer Slapstickeinlage gleicht: Er fällt fast von der Bühne, als er begeistert Details der Ausstellung "lautloses Irren", Berlin 03/04, zeigen will, vergisst die Namen der beteiligten Künstler, beendet nur die Hälfte der Sätze, lässt sein Mikrophon fallen. Mit grossen Gesten will er vermitteln, wie er zu seinen Ausstellungen kommt. Der Zuschauer sitzt basserstaunt und lauscht und versucht in den wirren Worten Sinn zu lesen um herauszufinden, wie dieser Mann es schafft, wirklich gute Ausstellungen zusammenzustellen. Durch einen Ausschnitt aus dem Film "In the Middle of the Moment" von
Cine Nomad will Harm Lux verdeutlichen, wo er seine Inspiration für seine kuratorische Arbeit bezieht und langsam lichtet sich der Nebel. Die 30 Minuten Gesprächszeit sind somit schnell erschöpft und noch bevor Harm Lux zu seinem eigentlichen (vorbereiteten) Vortrag kommt, versuchen Markus Landert und Dorothee Messmer im Gespräch Genaueres herauszufinden.
Der "Vollblutkurator mit künstlerischem Habitus" sieht sich als intuitiven Kurator, der als Spiegel der Gesellschaft eigene Empfindungen umsetzt. Es ist ihm unmöglich in Worte zu fassen, wie er durch Filme oder künstlerische Arbeiten angesprochen wird. In der Vorbereitung von Ausstellungen vermittelt er Künstlern ein Konzept, durch das sie zur Aktivität und zur Aneignung von Wissen gebracht werden. Dieses wird in Konferenzen mit den Künstlern und Ko-Kuratoren eingebracht, um für die Präsentationen evaluiert zu werden.
Harm Lux sagt, er müsse die künstlerische Sprache der Einzelnen respektieren und fügt im gleichen Atemzug mit an, dass er es ist, der dann alles zu einer Ausstellung zusammenbringen muss. An das Publikum denkt er nicht.
Madeleine Schüppli vom
Kunstmuseum Thun sieht die Notwendigkeit eines neuen Konzepts für Kuration in der Reduktion auf Elementares. Die Kunst muss in ihren Augen der Ausgangspunkt sein für jeglichen Akt kuratorischer Praxis. Sie definiert drei Grundsätze für Kuratoren:
1. Am Anfang steht das Vertrauen in Künstler und Werk.
2. Die Exponate bedingen das Display.
3. Am Anfang und am Ende stehen Sorgfalt und Respekt.
Diese Grundsätze, die eigentlich selbstverständlich sein sollten, wirken erstaunlich frisch und klar, auch wenn in der Dikussion über die vorgestellten Ausstellungen mit
Pierre Bismuth im
Kunstmuseum Thun, 2005,
Maurizio Cattelan in der
Kunsthalle Basel, 1999, "Choosing my Religion" im Kunstmuseum Thun, 2006, "Reanimation", ebenda,2003 und "Cadeaux Diplomatiques", ebenda, 2002, der Vorwurf aufkommt, was das Neue an dieser, doch eigentlich herkömmlichen Ausstellungspraxis ist. Schüppli leistet saubere kuratorische Arbeit in einem klassischen Museumskontext. Sie sieht die Notwendigkeit, dass zeitgenössische Ausstellungen in der Gegenwart verankert sein müssen, um die eigene Zeit repräsentieren zu können. Es ist Ausstellungsmachen im klassischen Sinn, versehen mit einem Update für zeitgenössische Bedürfnisse.
Dorothea Strauss, seit 2005 künstlerische Direktorin am
haus konstruktiv in Zürich, bezeichnet "Neues Ausstellen" als Echoraum zwischen Kunstgeschichte und Gegenwart.
Das
haus konstruktiv, eigentlich eine Stiftung, die der konkret konstruktiven Kunst verpflichtet ist, hat sich mit Dorothea Strauss eine Direktorin ausgewählt, die durch Ausflüge in die Gegenwartskunst den Hintergrund des traditionellen Verständnisses der konkret konstruktiven Kunst zur Diskussion stellen kann. Sie entwickelte einen
Relaunch, der den historischen Impetus beibehalten soll, aber durch das Treffen von künstlerischen Haltungen, die Gegenwart zeigen kann, ohne die Identität der Institution zu verlieren.
Mit den Ausstellungen "Minimalist Kitsch" & "Visionäre Sammlung Vol.1", 2005/06 mit dem Künstler
Erik Steinbrecher und "Ordnung und Verführung", 2006 führt Strauss vor, wie sie die Fragestellungen, die die Institution aus ihrer Geschichte mitbringt, lebendig halten will. Diese auch zu vermitteln ist ihr dabei ein Anliegen, ebenso wie der Diskurs über die Funktionalisierung von Kunst. Am Ende jedes Diskurses, jeder Ausstellung und jeder Vermittlung steht für Dorothea Strauss immer nur das Werk, denn die Begegnung mit Kunst ist und bleibt ein intimes Erlebnis.
Bereits während des Tages stellte sich dem Publikum immer wieder die Frage, was nun das Neue am "Neuen Ausstellen" sei. Endgültig geklärt werden, konnte dies allerdings nicht. Die sehr gut organisierte Tagung, deren kulinarische Pausen wohltuendes Verschnaufen ermöglichten, konnte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch die vorgestellten Positionen nur mit Wasser kochen.
Erschreckend war die Tatsache zu sehen, dass Künstler und Werk mit grosser Selbstverständlichkeit als kuratorisches Material herhalten dürfen. Einzig Madeleine Schüppli und Dorothea Strauss fühlten sich verpflichtet, dieser Sichtweise etwas entgegenzuhalten, um das Werk aus den Fängen der Kuratoren zu entlassen. Fast möchte man meinen, hier kämpft männlicher Geltungsdrang verhinderter künstlerischer Positionen gegen fundierte Ausstellungspraxis weiblicher Kuratorinnen.
Das Wort Kurator, lat. curator ("Pfleger", "Vertreter" oder "Vormund"), gibt aus seiner Etymologie bereits diesen Zwiespalt vor.
Vielleicht sollten wir nicht vergessen, dass der Beruf des Kurators, als Abspaltung der traditionellen Museumspraxis, noch nicht so alt ist, und seine Entwicklung eigentlich noch in den Kinderschuhen steckt. Es wird wohl noch einige Jahre dauern, bis sich ein Selbstverständnis etabliert hat, um Grabenkämpfe - mit Institutionen einerseits oder Künstlern andererseits - beilegen zu können und die Fragestellungen sich wieder der wichtigsten Grundlage unserer Arbeit zuwenden können: der Förderung der Kunst an sich.
Das britische Kunstmagazin Art Review hat Maß genommen und die Liste der hundert mächtigsten Personen im weltweiten Kunstzirkus ermittelt. Peter Dittmer zieht im Kunstmarkt-Teil der Welt seine Schlüsse daraus:
"Der Kunstmarkt ist ein unübersichtliches, arg zerklüftetes Terrain. Denn neben den wenigen Gipfeln, auf denen zwei, drei Dutzend Malerfürsten thronen, tun sich Furcht erregende Abgründe auf." – Man ahnte es schon!
Und angesichts der Tatsache, dass die obere Hälfte der Messlatte den, wir haben's auch geahnt, Sammlern, Galeristen, Museumsdirektoren und Kuratoren vorbehalten ist "... scheinen sich alle Verschwörungstheorien zu bestätigen, die den Handel mit den jüngsten Kunstproduktionen als ein mafiöses Unterfangen sehen, in dem nicht das Können und andere hehre Prinzipien zählen, sondern Absprachen und gezielte Kampagnen über Ruhm und vor allem über Geld."
Der Erfolg der Leipziger Malerei scheint sich im Markterfolg IN DEUTSCHLAND zu verzehren. Nach Jahren des Umschwungs zur "modischen" Malerei frage ich mich: Wo bleibt die widerständige Maler und Malerinnen in DER SCHWEIZ?
Wie schätzen Sie die Zukunft der Abfall-und-Geste-Installation ein? Immer noch ist so was Kurator-Streber-Kunst-König in der Schweiz. Wird es eine breitere Szene geben, jenseits von Heidi-Dada?
Bleiben überniedliche Events der Hauptstrom ?