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11 December 2009

Heimspiel 09, Cartoon und Kritik


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08 March 2009

Elias Wundersam: Wie man Kunst zu Tode kuratiert…



Wir verdanken es der gegenwärtigen Struktur des Kulturbetriebssystems, dass die „freien Künste“ in knapp 30 Jahren zu Dienstleistungen der freien Marktwirtschaft einerseits und zu verwaltbaren Kuratorien der Qualitätskontrolle anderseits, umsegmentiert wurden.

Unter der Künstlerschaft trauten sich zuerst Einige, später nur noch Wenige hinter die Barrieren des offiziellen Kurses. Inoffizielle und autonome Destinationen künstle-rischer Unabhängigkeit waren riskant, denn Geschäftsleute, Experten und Verwalter sicherten mit Zulassungskriterien den gewünschten Verlauf des Kunstbetriebs, indem sie durch Anerkennung und Disqualifikation den „Gang der Dinge“ kontrollierbar machten. Ausserdem schürte ein elitärer, neuinszenierter Wind in Medienhäusern und Kulturinstituten, unter den Kunstschaffenden die Hoffnung auf internationalen Erfolg.

Mit der Erhöhung der Erfolgschancen und der Möglichkeit die Nutzung von Beziehungskanälen als Fahrgelegenheit und Vermittlungsschiene, auch mit Anschluss zu elektronischen Verbindungsnetzen, für sich mobil zu machen erhielt das Künstler-image kalkulierbare Dimensionen. Dies äusserte sich bald auch in der Bereitschaft, ein professionelles Profil durch Anpassung zu entwickeln...
Die Anwärterscharen liessen sich bei der Durchschleusung im Marketing-Karriere-Fleischwolf gern freiwillig selbst verwursten. Das Kulturkarussel glitzernder Super-Stars und Glamourzugpferde begann sich auf globalem Schauplatz, im Wirbel des Medienrummels zu drehen.



So war es absehbar, dass durch die permanenten Weichenstellungen der Betriebs-Funktionäre, häufig Laufbahn-Kollisionen verursacht wurden, wodurch andererseits „unerwünschte“ Beteiligte ausschieden bzw. regelrecht aus der Bahn geschleudert wurden. Entschlossen arbeitete man im Kreis der Verantwortlichen und Fachleute,
für die Aufgleisung von innovativen Sonderschnellzügen, aber auch von nostalgischen Vetterli-Brötlibahnen, wodurch man das Dienstleistungsangebot, sowohl für die spezialisierten Bedürfnisse der Fachkreise, als auch für den eher traditionellen Geschmack eines breiten Publikums, gewährleisten konnte.
Es wurden Reiseangebote zu anerkannten Kultur-Highlights und internationalen Ausstellungs-Metropolen lanciert. Auch sollten fortan Profilierungs-Wettbewerbe nurmehr intern ausgeschrieben werden, zur Förderung nur des „Allerbesten“ eingerichtet werden. Dass sich die Künste so, auf hohem Niveau stabilisiert, in definierten Bahnen fortbewegten, hierdurch in gebräuchlicher, GANGbarer Art und Richtung entwickeln mussten, war absehbar...

Der Gang der Dinge nahm also den gewünschten Lauf...

Wenn man diesen Vorgang allerdings genauer unter die Lupe nimmt, wird einem beim Wort GANG auch einmal die englische Wortbedeutung in den Sinn kommen.
Hier heisst GANG soviel wie „Verbrecherbande“ und im Wort Gängelung steckt Bekanntlich auch Bevormundung, Manipulation !




Tatsächlich knüpft sich in den subventionierten Kulturinstituten eine Art Bandage, ein Band der Bevormundung, ein Gängelband, das die Produktion und Konsumtion der Künste instrumentalisiert und sie dauerhaft und individuell in ihren medialisierten Rollenfunktionen einbindet. Dieser Zustand veranlasste vor Jahren schon Kunstschaffende zur Auswanderung ins „Liberalium Artium –EXIL“, wo die souveränen, uneingeschränkten Bedingungen der Produktivität fortbestehen.

Auf der anderen Seite begrüsst der „Concours officiel“ mit seinen attraktiven Ka-rierebedingungen weiterhin dienstleistungsmotivierte Teilnehmer, aus deren munterer Schar jährlich die besten Rennpferde ermittelt, auf die Rennbahn geschickt werden.

Versteht sich, dass das Establishment der Sammlerguilde und Financiers von jeher ein Interesse daran hatten, dass derVorstand und die Fachleute von Museumsgesellschaf-ten und Kunstvereinen in ihren Programmen eine tadellose Künstlerelite präsentieren. die über ein entsprechendes Potenzial verfügt, das zur Herstellung künftiger Wert,-und Prestige-Anlagen, als auch in Bezug auf repräsentative und staatliche Image-pflege entsprechend geeignet ist.

Womit klar gesagt wäre, was viele Künstlerinnen bis heute veranlasst ihren Schaffensprozess so zu disziplinieren, dass die Chance in den Kreis der Auserwählten aufgenommen zu werden, zumindest in Takt bleibt. Man hält sich eben an die Spielregeln, die da etwa lauten : „shut up and work !“ oder gar: „Krieche und schleime“.
Die alten Erziehungsmassnahmen. „Bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt“, werden im neuzeitlichen Ton durch Teilnahme-Bedingungen ersetzt.

Bestaunen wir also weiterhin ein Kulturkarussel, das zum Manipulationslabor von Kapital und Kuratorium umfunktioniert , lustig vor sich hin trällert...? Der Reigen der Anerkannten dreht sich bunt austaffiert als besitzbare Rösslein vor aller Augen. Es lädt ein zum Einstieg und zur Verköstigungsfahrt des infantilen Genusses der Orbitalen Umdrehungen und Verdrehungen der Kunst. Für den garantierten Erfolg dürfen ihre Erzeuger bestenfalls noch gute Pausennarren und Jongleure von Beliebigkeiten sein, die sie umgesetzt in Marotten, Fetische und Leckerbissen von Medien und Managern vermarkten lassen dürfen...

Die Begeisterung des Publikums für ökonomische Boni-Träger und Status-Symbole nimmt jedoch ab, es ist desshalb fraglich ob der Run auf kulturelle Hochburgen der kapitalistischen Ideologie,tatsächlich noch lange Bestand haben wird. Wir dürfen also gespannt sein, auf das was die offiziell„schweigenden Lämmer“ der letzten 30 Jahre Kunst,-und Kulturentwicklung, bei einer Wende und beim Drehen des Windes, doch noch von sich geben werden, verständlicherweise erst dann wenn plötzlich neue Werte und eine andere Richtung der Entwicklung, Gültigkeit haben werden.

02 July 2007

Daniel Stiefel: Vernissagerede, ... eine Polemik


Vernissagerede Abschlussausstellung
Gestalterischer Vorkurs Erwachsene 06/07
19.Juni 2007

........eine Polemik in ca. 8 Minuten

Liebe Studierende, sehr geehrte Damen und Herren, kennen sie das Swiss Art Sharkforum? — den Schweizer Ableger eines amerikanischen, kunstkritischen blog, eingeführt und redigiert von Mark Staff Brandl, (der immer noch nicht am GBS unterrichtet!) Dort finden sie die kritischen Stimmen zu zeitgenössischer und unzeitgenössischer Kunst, die sich von den offiziellen Organen manchmal, aber hoffentlich immer öfter, wohltuend unterscheiden.

Kunstvermittlung ist keine Einbahnstrasse. Der Betrachter kann seine Meinung bekunden, wird in diesem Fall nicht als dummes und unwissendes Museumsvieh gehändelt. So ein blog ist natürlich POLEMISCH. Und Polemik steht Künstlerinnen und Künstlern sehr wohl an. Ist geradezu ihr Brot, wenn die Kunstgesellschaft immer und immer noch Provokation fordert, und Unbequemes.

Marcel Duchamps Pissoir war vor bald 100 Jahren als polemischer Antimuseumsschocker gedacht, heute klebt es jedem Museumskurator im Mundwinkel. Ja die gesamte zeitgenössische globale Hochkunst hat aus diesem Schüsselchen getrunken, die Museen gefüllt.

Uns fehlt die Polemik über Kunst - Polemik. Als Publikum versiegt unser Interesse, wenn wir nicht auf sie reagieren können, es ist nicht wie fernsehen, und was bringt eine Kunst ohne Publikum? Die Vervielfachung des künstlerischen Angebots in den letzten 10 bis 15 Jahren (Museen, Kunsthallen, Events usw. ) hat keine Hebung des Interesses für Kunst gebracht, es bleibt bei 5 bis max. 10 Prozent der Bevölkerung, die das Angebot mehr oder weniger regelmässig nutzt. Weitere 40 Prozent waren schon mal da mal dort, man nennt sie Eventgänger, aber die Hälfte der Bevölkerung lebt ohne Wahrnehmung des Kunstangebots.

Für St.Gallen heisst das: die Panzerplattentüren des Kunstmuseums haben dem grössern Teil der Bevölkerung erfolgreich widerstanden! Ich vergass zu erwähnen, dass bei den fünf bis zehn Prozent der am Kunstangebot Interessierten auch Theater, Tanz und Konzert, kurz alles Hochkunstkarätige berücksichtigt wurde..
Soviel zur provokativen Wirkung!

Dabei geht die Provokation in Gegenrichtung: Grosse Teile der Bevölkerung schauen nicht, und hören kaum in diese Kultur da hinein. Das ist für mich die GRÖSSTE PROVOKATION. Gut, man arbeitet ja daran. Für mehr Oeffentlichkeit dürften sicher die aufgeblasenen Preise für Kunst sorgen, die so gern verbreitet werden und den Wägschauern immerhin den Fetischwert der Kunst beweisen. Oder die überall startenden Biennalen und Ausstellungen: Noch nie wurde ich soviel auf sie angesprochen, von allerart Menschen und Medien, wie dies Jahr. Die Kunst ist im Focus. Die Menschenschlangen lang. Es riecht aber auch irgendwie nach neulicher Papsteuphorie, nach dem ewigen Pathos abgeschnittener Malerohren, oder nach dem Märchen der toten Königin der Herzen.

Kurzum, es riecht nach Publikumserfolg. Aber es riecht weniger nach besessen, als nach beflissen!

Jetzt werden sie, meine Damen und Herren, zurecht sagen, Was will denn der? Die Beachtung steigt, und Gewohnheit macht schön......... Ist offenbar auch wieder nicht recht. Nein, das Publikum ist natürlich herzlich eingeladen. Je zahlreicher, desto besser.

Das Problem liegt für mich anderswo. Es liegt an der Schnittstelle zwischen Kunst und Publikum. Lassen Sie mich das polemisch an zwei Beispielen erklären: Eine Heidi - Neuverfilmung die man sah, und desgleichen 2 bekannte Werke von Pippilotti Rist.

Die St.Galler ahnen schon....., aber ich will die Lotteriefondsbeitragspolitik beiseite lassen, ich hab nur die Namen von da! Die Werke, von denen ich
spreche, sind bezahlt! Die mancherseits als drittklassige Schriftstellerin qualfizierte Johanna Spiry schreibt ein erstklassiges Buch. Das sagen mir viele, viele Frauen über das Heidi: Ein Lieblingsmädchenbuch, ein persönlich wichtiges Buch, mit einem für seine Zeit (1854) äusserst, fortschrittlichen Mädchenbild. Heidi, das ‚taffe’ girl, wird von Mädchen aller Nationen und aller Alter bis heute verstanden, geliebt und geachtet. Während viele Jungen zum ersten mal darin erfahren, dass wir Buben alle
irgendwo Hosenpeter sind!

Die Neuverfilmung relativiert dieses von Mädchen so geschätzte Selbstbild allerdings in pointierter Weise: die Idee der Einführung des Computers soll zwar Zeitgenössigkeit suggerieren, aber mit dem PC schleicht sich eine klassische Männerüberlegenheitslüge ins Spiel. Im Original Buch bringt HEIDI dem Peter das Lesen und das Schreiben bei, und das will etwas bedeuten! Im Film bringt der BUB dem Mädchen das mailen bei!

Oh, das Aktualisierte entpuppt sich als das Alte, die Kirche kehrt ins Dorf zurück! Dem sogenannt Neuen haftet hier Reaktionäres an. Damit möchte ich zurückkommen auf das grosse Publikum. Wenn es schon in die Kultur blickt, hat der Künstler, in diesem Fall der Regisseur doch eine Pflicht, die Geschichte werktreu darzustellen, und sie nicht mittels Aktualisierungskitsch zu verfälschen! Je grösser das Publikum, desto folgenreicher die künstlerische Verantwortung. Heidi nun hat ein globales Publikum!

Pippiheidi aus Buchs dagegen schlug charmant Autoscheiben mit Rosen ein, ein eigentlich hilfloses Hippiemuster . Fröhliche Anarchie aus dem Haus "Ironie zur Beschönigung von Machtverhältnissen". Die Macht, um die es da geht, fürchtet nicht die Ironie, die Macht fürchtet allein den Spott! Die Strasseninstallation in St.Gallen hat ja auch so ihre Tücken: Pippilotti legt, bei allem Respekt für ihre grossartige Ehrung des Passanten, der Videoüberwachung im öffentlichen Raum geradezu den roten Teppich.

Zweckmittelheiligung! Sie mögen sagen, dass sei kleinliche Polemik zu Nebensächlichkeiten. Ja natürlich, ganz meine Meinung, aber es liegt im Wesen der POLEMIK, die Fakten anders zu gewichten und neu zu betonen und umzustellen und, wie sie wissen, NIMMT DIE KUNST DASSELBE FÜR SICH IN ANSPRUCH.

Diese Installation findet im öffentlichen Raum statt. Der öffentliche Raum ist schon länger der allgemeinen Aesthetisierung preisgegeben, er wird von „Geschmacksträgern“ besetzt. Was sonst in musealen Sicherheitszonen stattfindet, wird weit öffentlicher! Die Videolücken werden sich schliessen. Schafft sowas Behagen? Gilt die vielbesungene Freiheit der Kunst nur für die Künstler? Allein schon das Gefühl, beobachtet zu werden, ändert meine Beziehung zu diesem schönen Platz in St.Gallen.

Künstler-Innen haben eine Verantwortung der Gesellschaft gegenüber, wie ich schon erwähnte. Und die drückt sich oft in solchen Details aus. Handkehrum hat auch die Gesellschaft eine Verantwortung gegenüber der Kunst. Sie hören das Wort antworten ja heraus! Verantwortung heisst ja antworten MÜSSEN! Das gehört zur Freiheit der Gesellschaft, (ein Ausdruck übrigens, den man weit weniger hört, als „Freiheit der Kunst !“)

Liebe Studierende, antworten Sie als Gestalter-Innen , als Künstler-Innen, aber vor allem als Mitglieder unserer Gesellschaft - und seien diese Antworten auch PROVOKATIV UND POLEMISCH!

Herzlichen dank für Ihre Aufmerksamkeit
Daniel Stiefel (Künstler, Lehrer, Fach: Körper und Linie)
GBS, Schüle für Gestaltung

08 June 2007

Marcel Elsener: Kommentar, Pipilotti Rist Film




Kommentar
Am Leuchtturm Pipilotti zerschellt

Pipilotti Rist erhält für ihren ersten Spielfilm «Pepperminta» keine 300 000 Franken aus dem St. Galler Lotteriefonds. Nun könnte man wieder über die kulturfeindliche SVP schimpfen. Aber diesmal trafen die angeblichen «Banausen» von rechts just den wunden Punkt. Über die exorbitante Unterstützung der «Video Queen» wunderten sich nämlich auch Kulturschaffende: Noch nie erhielt jemand einen derart hohen Zustupf – dreimal mehr als der verdiente Filmer Peter Liechti.

Offenbar erhoffte sich die Regierung, mit dem Kunst-Popstar auf der Weltbühne mitzutanzen; der Kulturamtsleiter träumte kürzlich bereits laut vom roten Premierenteppich. Nun haben wir nichts gegen Aushängeschilder wie Pipilotti (oder Roman Signer). Aber wenn in der geradezu hysterischen Begeisterung der Sinn für Relationen verloren geht, darf man sich nicht wundern, wenn die Politik auf Bodenhaftung pocht.

Pipilotti wird's verschmerzen. Vielleicht hat ihr privater Filmsponsor Prada ja ein bisschen mehr Handgeld, wenn sein Boot «Luna Rossa» aus dem Louis-Vuitton-Cup fliegt.

Marcel Elsener
St. Galler Tagblatt
Mittwoch, 6. Juni 2007

14 April 2007

Matthew Collings: a Great Art Critic on an Internet Radio-Cast




Here is a link to a good interview-cum-discussion with Matthew Collings, one of my favorite “art commenters“ or critics. He can be vicious, flippant, London-boosterish, London-dismissive and cynical — yet is always interesting, far more intelligent than I think he wants to let on and very insightful about current art and the artworld.

Collings is an artworld star in his own right. In print, such as Modern Painters, on the radio and in various TV series about art. Furthermore, he is a successful abstract painter in his own right, disproving the oft-espoused claim that critics are failed artists. Perhaps more surprisingly still, he often, very often, doesn't actually like art now being made. Yet, he is passionate and fervent even in his distaste for the prevailing trends in post-modern art. It has been said of him that “with his eloquent and engaging approach to art criticism, he is one of the foremost art critics.” I agree. Get an enjoyable taste of him here on Radio New Zealand in an interview (about 40 minutes) with Kim Hill: http://www.radionz.co.nz/audio/national/sat/matthew_collings