Panorama view of exhibition in Jedlitschka Gallery, Zurich.

Panorama view of exhibition in Jedlitschka Gallery, Zurich.

28 October 2006

Max: "Die Kunst beginnt am Eingang" (Harm Lux)

Neues Ausstellen - mit diesem ehrgeizigen Aufmacher war die Tagung in der Karthause Ittingen überschrieben - ein viel versprechender Titel, der eine illustre Schar interessierter Fachleute in den Thurgau lockte. Organisiert von Markus Landert und Dorothee Messmer vom Kunstmuseum Thurgau, Paulo Bianchi, Ausstellungsmacher und freier Kunstpublizist und Sigrid Schade, Leiterin des ICS an der HGKZ, sollen die Ergebnisse der gestrigen Klausur und der heutigen öffentlichen Vorstellung im Kunstmuseum Thurgau, in der Zeitschrift Kunstforum vorgestellt werden. Fünf Positionen zeitgenössischer Ausstellungspraxis erhielten Raum um sich vorzustellen.

Martin Beck, der sich selbst in erster Linie als Künstler versteht, sieht das Kuratieren als einen Bereich der Berufspraxis von Künstlern, Er hinterfragt in seinen Arbeiten die Methodik des Kuratierens und die (vor allem künstlerische) Autorschaft. Am Beispiel der Ausstellung "Information" in der Wiener Sezession, 2006 - eine Zusammenarbeit mit der Künstlerin Julie Ault - stellte er seine Arbeitsweise vor: Die streng konzipierte Ausstellung stellt künstlerisches Handeln dar, als eine Befragung der Institution in der sie stattfindet (eingezogene Wände in der Wiener Sezession mit Fotografien von Felix Gonzales Torres), der Ausstellung als System (in der Rekonstruktion des Struc-Tube von George Nelson, einem funktionellen Hängesystem für Ausstellungen, das in Wien als auch als Skulptur fungiert), als Geschichtsarbeit (in der Reflexion von Architekturgeschichte an Hand von Paul Rudolph's Art-and-Architecture Gebäude an der Yale University, 1969) als Forschungsraum (durch die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Nonne Sister Corita Kent)und als politische Handlungsform (durch den Bezug zur Ausstellung "Information" im MoMA, 1970). Die intellektuelle Reflexion des konzeptuellen Kreativitätsprozesses belegt noch die kleinste Einheit der Ausstellung (Flächen, Farben, Ausstellungsarchitektur) mit Bedeutung, die, analog einem allegorisch-mythischen historistischen Gemälde, Schritt für Schritt entschlüsselt werden kann - ein akademisches Rätselspiel für intellektuelle Knobelfreunde in einer intertextualisierten Kunstwelt mit dem einzigen Anspruch der Kombination von Referenzen.

Moritz Küng sieht in der kuratorischen Praxis einen zunehmenden Trend zum Verschwinden der Ausstellung. Für ihn stellt die räumliche Dimension oder auch der Dialog zwischen Architektur und Kunst, vor allem in der Praxis der Bespielung von nicht-institutionalisierten Räumen, eine Möglichkeit dar, dem "Flughafeneffekt" des "White Cube" zu entfliehen. Er stösst sich am: "Man wähnt sich nirgendwo, weil alles gleich aussieht." und sucht eine "Atmosphäre der Selbstverständlichkeit" um Kunstwerke in glaubwürdige Räume zu überführen. Das Sinnliche und Sinnstiftende bei der Präsentation von Kunst muss in seinen Augen wieder an Bedeutung gewinnen. Und doch sucht man es in seinem Vortrag über die Ausstellungen "Super Space" in Utrecht, 1999, "Schöner Wohnen" in Waregem, 2004/05 und den Architekturausstellungen mit Dominique Gonzalez-Foerster, 2004, Joëlle Tuerlinckx, 2006, oder Serodio Furtado Associados, 2006 am deSingel in Antwerpen, vergeblich.
Die Kunst degeneriert zu einem Aperçu des Alltags und wird zu einem Duchamp extrême: Das Urinoir wird vom Museum zurück ins Badezimmer überführt. Es dann auch an Wasser und Abwasser wieder anzuschliessen, diesen letzten Schritt, versagt Moritz Küng der Kunst. Ob die Irritation durch die Imitation des Lebens vom Betrachter wahrgenommen werden soll oder nicht, lässt Küng kokett offen.

Harm Lux besticht durch einen unvorbereiteten Vortrag, der einer Slapstickeinlage gleicht: Er fällt fast von der Bühne, als er begeistert Details der Ausstellung "lautloses Irren", Berlin 03/04, zeigen will, vergisst die Namen der beteiligten Künstler, beendet nur die Hälfte der Sätze, lässt sein Mikrophon fallen. Mit grossen Gesten will er vermitteln, wie er zu seinen Ausstellungen kommt. Der Zuschauer sitzt basserstaunt und lauscht und versucht in den wirren Worten Sinn zu lesen um herauszufinden, wie dieser Mann es schafft, wirklich gute Ausstellungen zusammenzustellen. Durch einen Ausschnitt aus dem Film "In the Middle of the Moment" von Cine Nomad will Harm Lux verdeutlichen, wo er seine Inspiration für seine kuratorische Arbeit bezieht und langsam lichtet sich der Nebel. Die 30 Minuten Gesprächszeit sind somit schnell erschöpft und noch bevor Harm Lux zu seinem eigentlichen (vorbereiteten) Vortrag kommt, versuchen Markus Landert und Dorothee Messmer im Gespräch Genaueres herauszufinden.

Der "Vollblutkurator mit künstlerischem Habitus" sieht sich als intuitiven Kurator, der als Spiegel der Gesellschaft eigene Empfindungen umsetzt. Es ist ihm unmöglich in Worte zu fassen, wie er durch Filme oder künstlerische Arbeiten angesprochen wird. In der Vorbereitung von Ausstellungen vermittelt er Künstlern ein Konzept, durch das sie zur Aktivität und zur Aneignung von Wissen gebracht werden. Dieses wird in Konferenzen mit den Künstlern und Ko-Kuratoren eingebracht, um für die Präsentationen evaluiert zu werden.

Harm Lux sagt, er müsse die künstlerische Sprache der Einzelnen respektieren und fügt im gleichen Atemzug mit an, dass er es ist, der dann alles zu einer Ausstellung zusammenbringen muss. An das Publikum denkt er nicht.

Madeleine Schüppli vom Kunstmuseum Thun sieht die Notwendigkeit eines neuen Konzepts für Kuration in der Reduktion auf Elementares. Die Kunst muss in ihren Augen der Ausgangspunkt sein für jeglichen Akt kuratorischer Praxis. Sie definiert drei Grundsätze für Kuratoren:

1. Am Anfang steht das Vertrauen in Künstler und Werk.
2. Die Exponate bedingen das Display.
3. Am Anfang und am Ende stehen Sorgfalt und Respekt.

Diese Grundsätze, die eigentlich selbstverständlich sein sollten, wirken erstaunlich frisch und klar, auch wenn in der Dikussion über die vorgestellten Ausstellungen mit Pierre Bismuth im Kunstmuseum Thun, 2005, Maurizio Cattelan in der Kunsthalle Basel, 1999, "Choosing my Religion" im Kunstmuseum Thun, 2006, "Reanimation", ebenda,2003 und "Cadeaux Diplomatiques", ebenda, 2002, der Vorwurf aufkommt, was das Neue an dieser, doch eigentlich herkömmlichen Ausstellungspraxis ist. Schüppli leistet saubere kuratorische Arbeit in einem klassischen Museumskontext. Sie sieht die Notwendigkeit, dass zeitgenössische Ausstellungen in der Gegenwart verankert sein müssen, um die eigene Zeit repräsentieren zu können. Es ist Ausstellungsmachen im klassischen Sinn, versehen mit einem Update für zeitgenössische Bedürfnisse.

Dorothea Strauss, seit 2005 künstlerische Direktorin am haus konstruktiv in Zürich, bezeichnet "Neues Ausstellen" als Echoraum zwischen Kunstgeschichte und Gegenwart.
Das haus konstruktiv, eigentlich eine Stiftung, die der konkret konstruktiven Kunst verpflichtet ist, hat sich mit Dorothea Strauss eine Direktorin ausgewählt, die durch Ausflüge in die Gegenwartskunst den Hintergrund des traditionellen Verständnisses der konkret konstruktiven Kunst zur Diskussion stellen kann. Sie entwickelte einen Relaunch, der den historischen Impetus beibehalten soll, aber durch das Treffen von künstlerischen Haltungen, die Gegenwart zeigen kann, ohne die Identität der Institution zu verlieren.

Mit den Ausstellungen "Minimalist Kitsch" & "Visionäre Sammlung Vol.1", 2005/06 mit dem Künstler Erik Steinbrecher und "Ordnung und Verführung", 2006 führt Strauss vor, wie sie die Fragestellungen, die die Institution aus ihrer Geschichte mitbringt, lebendig halten will. Diese auch zu vermitteln ist ihr dabei ein Anliegen, ebenso wie der Diskurs über die Funktionalisierung von Kunst. Am Ende jedes Diskurses, jeder Ausstellung und jeder Vermittlung steht für Dorothea Strauss immer nur das Werk, denn die Begegnung mit Kunst ist und bleibt ein intimes Erlebnis.

Bereits während des Tages stellte sich dem Publikum immer wieder die Frage, was nun das Neue am "Neuen Ausstellen" sei. Endgültig geklärt werden, konnte dies allerdings nicht. Die sehr gut organisierte Tagung, deren kulinarische Pausen wohltuendes Verschnaufen ermöglichten, konnte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch die vorgestellten Positionen nur mit Wasser kochen.

Erschreckend war die Tatsache zu sehen, dass Künstler und Werk mit grosser Selbstverständlichkeit als kuratorisches Material herhalten dürfen. Einzig Madeleine Schüppli und Dorothea Strauss fühlten sich verpflichtet, dieser Sichtweise etwas entgegenzuhalten, um das Werk aus den Fängen der Kuratoren zu entlassen. Fast möchte man meinen, hier kämpft männlicher Geltungsdrang verhinderter künstlerischer Positionen gegen fundierte Ausstellungspraxis weiblicher Kuratorinnen.
Das Wort Kurator, lat. curator ("Pfleger", "Vertreter" oder "Vormund"), gibt aus seiner Etymologie bereits diesen Zwiespalt vor.

Vielleicht sollten wir nicht vergessen, dass der Beruf des Kurators, als Abspaltung der traditionellen Museumspraxis, noch nicht so alt ist, und seine Entwicklung eigentlich noch in den Kinderschuhen steckt. Es wird wohl noch einige Jahre dauern, bis sich ein Selbstverständnis etabliert hat, um Grabenkämpfe - mit Institutionen einerseits oder Künstlern andererseits - beilegen zu können und die Fragestellungen sich wieder der wichtigsten Grundlage unserer Arbeit zuwenden können: der Förderung der Kunst an sich.

6 comments:

Mark Staff Brandl said...

Excellent reportage from Alex "Max" Meszmer --- concise descriptions with opinion and critique. Exactly what I had hoped for as a part of Swiss Art Sharkforum! Thanks. I'll try to get an English summary up when I find some time.

One thing which stands out for me in glaring absence in this symposium is a discussion of the "inner-" political aspect of curating so-called "new exhibitions." Max alludes to it somewhat in the close ("...der Beruf des Kurators, als Abspaltung der traditionellen Museumspraxis, noch nicht so alt ist, und seine Entwicklung eigentlich noch in den Kinderschuhen steckt.)

The profession of curator exists a long time in its original sense (Latin, curare: to take care of, to give care or attention to). However, the situation NOW, with the curator as chief of the totem-pole is extremely new, only after 1980 actually. This is discussed by the Shark in his blog post below. I think less that curating "steckt in Kinderschuhen" than that it is newly crowned to a (temporary?) power position --- one held by critics, esp. Greenberg, in Formalism's heyday, and earlier by others (Cardinals, Popes, gallerists, etc.) Strangely, a position never held by collectors or artists.

I would love to hear curators directly address this --- should exhibition spaces and/or exhibitions exists primarily to further the careers of curators, and then only secondarily serve artists and art? That is indeed the fact now. I have nothing against great curators advancing their careers --- but is that the PRIMARY activity? isn't that putting the cart many kilometers before the horse? And isn't it clear that everybody recognizes this by the sheer fact that mention of it is so painstakingly avoided? I think this socio-political and economic fact is more deterministically important than any particular "theory" of display. It puts immense pressure on curators, if naught else, and instrumentalizes and denigrates art and artists, as Max describes in a passage above.

max said...
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max said...

Danke für die Blumen, Mark, und ich hoffe, dass auch andere in die Diskussion einsteigen und diese exzellente Möglichkeit nutzen um sich auszutauschen.

Die Machtpositionen, die Kunst erst möglich machen - seien dies nun die Kirche, Fürsten, Sammler, Museen/Galerien oder eben heute Kuratoren - sind, denke ich, in erster Linie Mittler zum erreichen einer Öffentlichkeit - und an sich eher Medien als wirkliche Entscheidungsträger über sehenswert/nicht sehenswert oder vielleicht sogar gut/schlecht.

Kunst findet statt - ob ausgestellt oder nicht. Und ich denke Dorothea Strauss weisst da auf einen sehr entscheidenden Punkt hin: die Begegnung mit der Kunst bleibt eine sehr intime; es begegnen sich immer das Werk und ich. Egal ob ich mit einer Hundertschaft vor der Mona Lisa stehe, alleine im Lightning Field oder vor einem Bild eines Sparkassenmalers.

Auch die qualitative Entscheidung treffe ich in der persönlichen Begegnung. Um diese Begegnung herum inszeniert sich der ganze Kunstbetrieb wie ein absolutistischer barocker Hof - es herrscht ein geschäftiges Treiben, der Smalltalk, der Witz im Ausdruck, die Geste wird kultiviert, während der Hof gar nicht wirklich bemerkt, dass sich der Herrscher heimlich davongestohlen hat.

Ein Vakuum zieht einen Sog nach sich: und der Streit um den Herrscherstuhl beginnt. Die Entwicklung verselbständigt sich, der Stuhl wechselt dauernd den Ersitzer, der Diskurs - ich fühle mich dabei immer wieder an barocke Tischgespräche erinnert - wird weitergeführt, als ob nichts geschehen wäre. Der Veredler, der aus der zwar anmutigen, aber doch nicht allzu prächtigen Blume Kunst einen Strauss mit Pomp und Glanz und Gloria flechten kann, trägt den Sieg davon und wird von nun an beachtet.

Das Kunstsystem ist ein elitäres und auch wenn uns die Medien und die grossen Kunstschauen vorgaukeln, dass sich die Entwicklungen in unserer Zeit beschleunigt haben, so möchten wir das gerne glauben, verkürzt hat sich nur die Aufmerksamkeitsspanne.
Wer innerhalb des Gerangels um den besten Platz bei Einschaltqouten - was sind Besucherzahlen anderes? - einen 5-min-fame erreicht, ist einen Platz weiter.

Was sich mit der Postmoderne eigentlich angekündigt hat - eine Entwicklung, die wir besonders in den Medien in den 80er Jahren beobachten konnten - ist die Demokratisierung hierarchischer und elitärer Systeme.
Fluxus, Feyerabends "Anything goes" und viele Ideen der politischen Kunst der 70er Jahre weisen bereits in diese Richtung. Es zeigt sich nur, dass der Hofstaat schwerfällig angelegt ist: Das Kunstsystem bleibt nach altem Schema organisiert und sucht anderes so weit als möglich draussen zu halten, was nicht assimiliert werden kann...

Vielleicht sollten wir es als ein letztes Aufbäumen betrachten und mit einem Schulterzucken quittieren.

Anonymous said...

zum Kommentar von max betreff Kunstsystem: Das gegenwärtige Kunstsystem zirkuliert in alten Schläuchen! Es bewahrt durch diese
Schlauch-institutionalisierung
eine Struktur der Bevormundung, durch Teilnahmebedingungen. Der Richtungsverlauf der künstlerischen Produktivität bleibt kontrollierbar.
(Plankultur!) Der Esel läuft...
vor seiner Nase baumelt eine Möhre,
die er vielleicht bekommt, wenn er
das Ziel seines Herren erreicht hat!
mehr dazu :

www.kuenstlerarchiv.ch/herbertkopainig

max said...

welcome on board herr kopainig!

Kunstsystem - das wort birgt in sich bereits das problem:
ein system ist immer eine struktur, die durch diese funktioniert.
erschreckend finde ich nur, dass inzwischen auch die schweiz - die bislang ein relativ liberales kunst ausbildungs system hatte, das nicht nur akademischen künstlern ein durch- und auskommen beschert hat, langsam nach deutschem, bzw. englischen vorbild wandelt, hin zu einer struktur, die dazu führen wird, dass bei den absolventen die "schule", die akademie sichtbar macht, die sie durchlaufen haben.

langfristig wird das zu einer homogenisierung der möhren führen...

Anonymous said...

Ja max, ob es nun Möhren oder Rüblisalat ist, sei dahingestellt.Jedenfalls zeigen Esel in ihrer Artung manchmal gewisse Anzeichen eines Freiheitselements, das bei anderen Spezien noch wenig zur Entwicklung gebracht worden ist. Esel
können störrisch sein, sie tun nicht immer, was von ihnen verlangt ist, also
blind vorwärtsgehen z.B. Da hat der Homo Sapiens schon wesentlich mehr Freiheit.
Er kann den Trick mit der Möhre am Schnürchen durchschauen und es mit
den Lockrüben in seinem Umfeld verglei-
chen. Auch Wölfe haben da ihre Eigen- arten... mehr dazu unter:

www.kuenstlerarchiv.ch/herbertkopainig