Panorama view of exhibition in Jedlitschka Gallery, Zurich.

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22 January 2007

Richi K: Slam: Immer noch besser als Kunst



Slam: Immer noch besser als Kunst, hiess es da von anonym in einem Kommentar zu meinem letzten (ersten) Blog. Wie soll das denn zu verstehen sein? Besser ist ja grundsätzlich gut, besser als irgendwas zu sein ist ja schön und vermutlich sollte es ein Kompliment sein (sicherheitshalber mal einen schönen Dank an anonym) oder war es doch eher ein Schienbeintritt an die Maler und Gestalter in diesem Forum und das „immer“ ist als „immerhin“ zu nehmen? Wie dem auch sei, aber Slam soll besser als Kunst sein? Slam soll keine Kunst sein? Seit wann wird denn Literatur, Poesie und Schriftstellerei nicht mehr als Kunst betrachtet?

Aha, wird mancher da wohl denken, jetzt lehnt sich da aber einer weit zum Fenster raus. Poetry Slam mit Literatur und Schriftstellerei in Verbindung zu bringen, jetztaberauch! Diese Gassenspracharbeiter, diese verhinderten Comediens und zu spät geborenen Beatniks machen doch nur den Hampelmann vor einem unkritischen Publikum. Da kann man kaum von Lyrik sprechen oder von Poesie.

Zugegeben: Poetry Slam ist eine offene Bühne, jede und jeder kann mitmachen und deshalb wird wohl auch alles zu sehen und hören sein. Und nochmals zugegeben: Poetry Slam soll Unterhaltung sein, ein etwas ganzheitlicheres positiveres Erlebnis als eine Welteruntergangsdepri-Lyrik-Lesung mit still in sich selbst versunkenem Publikum. Und doch: Ich bestehe darauf. Poetry Slam ist Kunst. Poetry Slam ist den Klang der Worte erforschen, Sprachrhythmen entdecken, Stimmungen entwickeln und einen Text so zu transportieren, wie es dessen Inhalt auch verdient. Poetry Slam ist das Spiel mit der Sprache, mit der Stimme und mit dem Publikum. Wer schon einen Vollblut-Slammer erlebt hat, wie er seinen Text nicht nur vorliest sondern vorlebt, mit seinem ganzen Körper den Text ist, wird wohl zugeben, dass dies eine Kunst ist. Ob diese Kunst dann auch Literatur genannt werden darf, darüber sollen sich andere die Köpfe einschlagen.

Und man kann sogar noch weiter gehen und den Kunstbegriff noch mehr strapazieren. Die Gestaltung und Organisation eines Slams ist an sich schon ein kunstvoller Prozess. Lokalität, Moderation, Rahmenprogramm und Gast-Slammer müssen ausgewählt werden, der Abstimmungs- und Auslosungsmodus muss bestimmt werden und dann natürlich noch die ganze Promotion. Alles Elemente, die komponiert werden müssen und die sich auf den Abend als Erlebnis auswirken. „Event-Management nennt man das“, werden jetzt wohl Kritiker meinen, „und dafür gibt’s ja Kurse in der Migros-Klubschule.“ Mag wohl sein. Aber die Aufgaben eines Slam-Masters, der für die Veranstaltung verantwortlich ist, gehen doch noch weiter: Oft ist er auch Gastgeber, Betreuer und als Slam-Philosoph auch mitbeteiligt an der Entwicklung der Szene und damit der Kunst selbst. Fast ein Kurator, fast ein Manager aber nicht nur, Slam-Master sind in erster Linie Idealisten für die Sache Poetry Slam.

Da liegt vielleicht das, was immer noch besser als Kunst ist: Poetry Slam lässt sich nicht (und hoffen wir nie) verwalten und steuern oder gar als besser verkaufen als er ist. Ein Poetry Slam ist immer so gut, wie er an diesem Moment ist, wie es das Publikum findet und wie es dies zum Ausdruck bringt.

Und sollte da einer kommen und nicht zufrieden sein, darf er gerne auf die Bühne kommen und es besser machen. Poetry Slam grenzt nicht aus. Und klammert sich schon gar nicht an den Anspruch Kunst zu sein. Denn das einzige was Slammer wollen ist Respekt.

2 comments:

Mark Staff Brandl said...

Great post Richi! I must partially agree with "annonym" --- Slam is, in "Durchschnitt" often far better than most visual art "in Durchschnitt" --- e.g. in the Heimspiel 06 as I discussed below. Slam on!

Mark Staff Brandl said...

UND du hast mir eine Idee beigebracht --- wir brauchen Kurator-Versionen von "Slam-Masters" ! --- Wie du geschrieben hast: "Fast ein Kurator, fast ein Manager aber nicht nur, Slam-Master sind in erster Linie Idealisten für die Sache Poetry Slam."

So könnten wir in der "visual art world" richtig-interessante Ausstellungen habe!